Orange the World: Finanzielle Freiheit als Prävention 1
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Orange the World: Finanzielle Freiheit als Prävention

Ich bin eine überzeugte Optimistin und doch gibt es ein Thema, das mich jedes Mal aus der Bahn wirft: (häusliche) Gewalt gegen Frauen. Finanzielle Unabhängigkeit kann präventiv wirken – und zwar ab dem ersten Date.

Am 25. November ist Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen, rund um die Welt werden Gebäude und Institutionen orange leuchten: im Rahmen der UN-Initiative „Orange the World“. Ich bin aktuell einmal mehr fassungslos: Ende Oktober wurden erneut zwei Frauen in Österreich getötet, die 21. und 22. in diesem Jahr, hinzu kommen rund 40 Mordversuche bzw. Fälle schwerer Gewalt, heißt es in Die Presse.

All das passiert selten aus heiterem Himmel und Expert:innen bestätigen immer wieder: Wenn Frauen häusliche Gewalt „aushalten“, geschieht das nicht selten auch auf Grund einer ökonomischen Abhängigkeit. „Um gegen Gewalt handeln zu können, brauchen Frauen*[1] Ressourcen“, heißt es im Handbuch „Ist das schon Gewalt?“, herausgegeben vom Wiener Verein Frauen* beraten Frauen*. Die Expertinnen berufen sich auch auf eine norwegische Studie, die feststellte, dass es einen direkten Zusammenhang von gelebter Geschlechtergleichstellung und der Reduktion von Gewalt in der Familie gibt. Sie schreiben weiters: „Partner*schaftlich geteilte Sorgearbeit ermöglicht Frauen* mit Kindern eine eigenständige Existenzsicherung. Die finanzielle Unabhängigkeit wirkt aufgrund des ökonomischen Machtgleichgewichts der Entstehung von Gewalt entgegen.“

 

Von Anfang an auf Augenhöhe

Wann beginnt finanzielle Abhängigkeit? Ich sage mutig: ab der Kennenlernphase. Ja, ich freue mich auch über Blumen und darüber, in ein schönes Lokal ausgeführt zu werden. Aber warum sollte man einander nicht abwechselnd einladen dürfen? Ich empfehle meinen heranwachsenden Kindern schon heute für ihre Dates: Wer das Programm bestimmt, bezahlt. Damit können jeweils beide Seiten entsprechend ihrer finanziellen Situation ein Lokal, ein Konzert oder was auch immer wählen.

Wir spulen vor: Gründet man später eine Familie, geht es ans faire Aufteilen von Aufgaben – und Ausgaben. Entweder teilt man alle Kosten im Verhältnis zum jeweiligen Einkommen auf oder noch besser: Man wendet das Drei-Konten-Modell an. Hierbei werden sämtliche Einnahmen auf ein gemeinsames Konto überwiesen und das Geld, das nach Abzug aller gemeinsamen (!) Ausgaben zum Monatsende oder einem vereinbarten Stichtag noch vorhanden ist, wird fair auf zwei weitere eigene Konten aufgeteilt. Das ist auch eine kluge Variante, um das Elternteil, das zugunsten der Kindererziehung im Job zurücksteckt, nicht zu benachteiligen.

Diese Strategie wird nur leider zu selten gelebt. Insbesondere wenn Frauen Mütter werden, nehmen sie sich enorm zurück. „In vielen Fällen wollen Frauen* nicht ums Geld streiten. Sie finanzieren aus ihren eigenen Einkünften (z. B. Karenzgeld, Teilzeitarbeit) bis zum letzten Cent die täglichen Einkäufe und Besorgungen für die gesamte Familie. Männer* bezahlen die Miete, das eigene Auto, Versicherungen und verwenden den Rest des Einkommens nach eigenem Gutdünken. Die Tatsache, dass viele Frauen* in Beziehungen verarmen, ist gesellschaftlich tabuisiert“, schreiben die Expertinnen von „Frauen* beraten Frauen*“ in ihrem Handbuch. Das passiert sogar, wenn eine Familie wohlhabend erscheint. Und weiter: „Die finanzielle Abhängigkeit ist demütigend und schwächt das Selbstbewusstsein der Frauen*.“

Das erlebe ich auch bei einzelnen Klientinnen und freue mich umso mehr, wie souverän sie dann ihre finanziellen Angelegenheiten zu managen beginnen – und gegebenenfalls auch ein Entgegenkommen des Partners einfordern. Die meisten von ihnen – und ich spreche von Frauen jeden Alters und aus allen möglichen Berufen – sind schließlich überrascht, wie viel Freude es machen kann, ihr Geld für spätere Ziele klug zu veranlagen oder für die Pension vorzusorgen.

Weitere wertvolle Informationen zum Thema Partnerschaft und Finanzen findest du beispielsweise hier: Sharing is Caring sowie Pensionssplitting Österreich – Update 2023.

[1] Der Verein verwendet in seinen Texten den Gender-Stern, weil er bewusst auf die Vielfalt des Frau- und Mannseins hinweisen will. Basis des Handbuchs sind Interviews mit – soweit bekannt war – Cis-Frauen, die in heterosexuellen Beziehungen Gewalt erlebt haben